Markus Nordhaus

Kein Aprilscherz, aber der Beginn eines spannenden Abenteuers

30.09.2019 12 Minuten Lesezeit von Markus NordhausKommentieren
image

Inhaltsverzeichnis

Nervenzusammenbruch

Ein halbes Jahr ist es nun her, dass ich mir mitten in der Nacht zwei Backpfeifen verpasst habe, um einfach wieder zu funktionieren. Mit Tränen in den Augen war ich an einem Totpunkt angelangt. In ein paar Stunden startet die 747 nach Boston und wartet nicht …

Ihr fragt euch jetzt, wie es mir so geht, das erfahrt Ihr in meinem ersten Post.

Nein, das waren keine Zweifel, ob ich das richtige tue oder vorgezogenes Heimweh, sondern meine Nerven. Ihr glaubt gar nicht, wie lang eine To-do-Liste werden kann. Natürlich habe ich nicht alles erledigt bekommen. Medikamente? Dokumente? Verdammt die Steuererklärung, ist die fällig? Jetzt streikt auch noch der Drucker, ach und das Päckchen für Unitymedia … Ach du Scheiße!

Ich verrate euch eins: Die Liste ist länger, als man sie abarbeiten kann. Die einfachste Art sie zu priorisieren ist, sich die Frage zu stellen: “Ist für dieses Item meine persönliche Anwesenheit erforderlich? “. Üblicherweise heißt die Antwort “Nein”! Danach kommen dann die Klassiker wie der alte Eisenhauer und nicht mehr als drei Dinge gleichzeitig - you name it. Man wird da sehr konsequent und skrupellos mit dem “Nein”-Sagen.

Irgendwie hat sich aber alles aufgeklärt und Lösungen wurden gefunden. In den letzten Wochen vor dem Abflug zeigt sich dann, auf wen man im Leben zählen kann. Auch ohne jemanden speziell zu erwähnen (oder versehentlich zu übersehen) weiß ich, dass das Dankeschön da ankommt, wo es soll: Danke!

Wer möchte ab Mitte 2019 in die USA?

Wie kommt man nun, in ein einer Nacht zum Sonntag, am Rande des Wahnsinns, bis zur Abfahrt zum Flughafen verzweifelt eine endlos lange To-do-Liste abzuarbeiten?

Die e-Spirit AG, bei der ich schon über 7 Jahre arbeite, betreibt eine Außenstelle in Boston, genauer gesagt Lexington, MA. Da es die beiden Deutschen dort wieder Richtung Heimatbasis zog, wurden gleich zwei Positionen vakant.

Als dann nach Freiwilligen gesucht wurde, war mir bewusst, das ist meine Chance! Seit ich im Jahr 2008 an der California State University in Sacramento studiert habe war mir klar, dass ich eines Tages einmal in den USA leben möchte.

Und jetzt bin ich neben meinen netten amerikanischen Kollegen, der einzige dauerhaft entsendete Deutsche hier und halte die Stellung und den Kontakt zum Hauptquartier.

Der Passierschein A38

Leider ist eine Papier- und Bürokratieallergie keine offizielle Krankheit sonst wäre ich aber wohl auch nicht hier wo ich jetzt sitze. Ich musste also durch den Krams.

Das ist alles jeweils einen einzelnen Blogpost wert, aber ich will hier einmal einen Auszug auflisten.

  • Visum
  • Führerschein - weg mit dem Lappen her mit der Karte
  • FAA Medical - ich möchte schließlich weiterhin fliegen und die “CPL” machen
  • Wie bekomme ich meine Lizenzen validiert?
  • Krankenversicherung? Was muss ich an, was abmelden?
  • Social Security Number
  • Sonstige Versicherungen
  • Verträge Kündigen

Und sich beim Einwohnermeldeamt abmelden - ich bin offiziell in Deutschland ohne festen Wohnsitz - neue Adresse Parkbank. Die Liste ist gefühlt um Potenzen länger. Habe ich schon die “Endlos To-do Liste” erwähnt?

Die Monate vor der endgültigen Abreise sind also geprägt von Formularen, Behördengängen, E-Mails und Telefonaten.

Wer aber meint, dass es dann mit dem Umzug getan ist, hat weit gefehlt. In Deutschland war alles nur Übung: Man spricht die Sprache und kennt den Amtsschimmel. In den Staaten, genauer gesagt in Massachusetts, ist dann alles anders.

In den ersten Tagen und Wochen bedingt oft das eine das andere und umgekehrt - Henne Ei Problem vom Feinsten.

  • Für ein Bankkonto braucht man die “Social Security Number”
  • Für eine Wohnung (eigentlich) ein US-Bankkonto
  • Ebenso für den dafür nötigen Backgroundcheck (normalerweise) obige Nummer
  • Um die “Social Security Number” zu bekommen einen festen Wohnsitz - und die Endlosschleife rennt
  • Und um den Führerschein inklusive dem Pendant zum Perso, die RealID, zu bekommen muss man dann noch mit dem deutschen Kraftfahrtbundesamt (KBA) in Flensburg zurechtkommen - die können nur FAX
  • Dazu kommt, dass oft bewusst keine Telefonnummern veröffentlicht werden - es gibt Online-Portale. Selbst beim KBA war es zunächst schwierig den passenden Ansprechpartner zu finden
  • Das Thema Credit-Score ist dann noch mal ein eigenes Kapitel …

Asterix und Obelix lassen grüßen.

Stoff für weitere Blog Beiträge die, so hoffe ich, zukünftigen “Auswanderern” das Leben erleichtern …

Zum Schluss dieses Abschnitts muss ich aber deutlich sagen, dass sobald die Henne verspeist ist, das meiste hier wesentlich einfacher ist als in Deutschland. Das meiste geht online und digital.

Wohnungssuche

Mitte Februar stand die Wohnungssuche an. Auch dieser Abschnitt ist ein Blogbeitrag wert.

Zusammengefasst, der Wohnungsmarkt funktioniert deutlich anders:

Es geht wesentlich schneller und vermietet wird zumeist für einen definierten Zeitraum. In meinem Fall 10 Monate. Für meine jetzige Wohnung hat sich gezeigt, dass ich zu früh dran war. Auch wenn ich erst im April einziehen sollte, war für März schon einmal 2/3 der Miete fällig.

Dennoch musste ich zunächst mit ordentlicher Unsicherheit nach Hause fliegen und warten bis der Backgroundcheck durch ist, dass ich unterschreiben kann - aber alles digital.

Die Mietverträge und das Recht sind zu dem viel stärker auf der Seite des Vermieters, womit ich heute meine Schwierigkeiten habe. Nebenan hält mich Tag und Nacht eine Industrieklimaanlage wach und aus dem Vertrag kommt man so einfach nicht raus. Im Winter wird’s hoffentlich wieder leiser werden …

Allerdings liegt die Wohnanlage ideal zur Arbeit und zum Flugplatz (Hanscom Field, KBED) gelegen und das Managment- und Wartungsteam kümmert sich prima um alles.

Umzug - kein Aprillscherz sondern ernster Spaß!

Noch bevor ich überhaupt eine Idee hatte, wo ich in Zukunft wohnen werde, war der Umzug zu organisieren. Auch dieser Abschnitt verdient einen eigenen Blogbeitrag. Mein Wohnzimmer, Schlafzimmer, Büro und Dinge wie mein Rennrad sollten mit rüber. Da ich die Sachen weder verkaufen noch in einem Lagerhaus vergammeln lassen wollte.

Die Planungen müssen zeitig erfolgen und der Seecontainer muss rechtzeitig auf die Reise. Sonst schläft man auf dem Teppich. Kommt er vor einem an, wird’s teuer.

Am 18. März 2019 kam ein Sturmtrupp, der in nur knapp 4 Stunden mein ganzes Leben verpackt hatte. Die Beschriftungen der Kartons bringen mich immer wieder zum Lachen - Englisch für Fortgeschrittene: “English for Runaways”.

Aus meiner leeren Wohnung musste dann die alte Küche raus und die Wände weiß. Beim Abriss konnte man den Bürokratiestress und sonstigen Frust loswerden. Nach etwas Hin und Her mit der Hausverwaltung habe ich jetzt auch meine Kaution wieder.

Ich danke noch mal meinen ganzen Umzugshelfern fürs Streichen und für die Hilfe beim Entrümpeln.

Am 1. April 2019, wie in meinem Entsendungsvertrag vereinbart, sollte dann meine neue Aufgabe beginnen - kein Aprilscherz, aber trotzdem ein riesen Spaß! Natürlich waren meine Möbel noch unterwegs. Für die ersten 3 Tage hatte ich ein Hotel, danach war Survivalmode angesagt. Wie üblich sind die Wohnungen in den USA mit Küchen eingerichtet. Mein damaliger Chef (einer der beiden Deutschen) hat mich dankenswerterweise mit Besteck, Geschirr und einer Matratze versorgt.

Meine Möbel waren glücklicherweise nicht allzulange verspätet. So ware es nur ca. ein Woche auf der Matratze.

Wie ein US-Astronaut zum ersten mal in der Sojus Kapsel

Wenn man als Tourist oder wie ich in 2008 als Kurzzeit-Student in die USA kommt fallen einem viele Dinge gar nicht so richtig auf oder nimmt sie anders wahr.

Mein Paradebeispiel ist der erste Kontakt mit meiner Waschmaschine, eine Whirlpool, wie in den Staaten üblicherweise in Mietwohnungen zu finden ist. Wer die Wahl hat, greift auch hier immer häufiger zu den Frontladern. Allerdings war die Beladung von oben (Toplader) nicht die große Überraschung. Trotz, dass ich natürlich der englischen Sprache mächtig bin, stand ich wie ein US-Astronaut vor den Armaturen einer Sojus Kapsel. Das folgende Bild beschreibt die Situation am besten.

Waschmaschine auf Amerikanisch

Selbst in der ICAO standardisierten Welt der Fliegerei gibt es vieles wieder neu zu erlernen.

Ich habe nach ein wenig Papier-Ping-Pong nun meine EASA Lizenz validiert bekommen. Die FAA ist da wirklich die serviceorientiertere Behörde in dem Zusammenspiel! Die dafür abschließend nötige BFR (Bianual Flight Review) ist vom Umfang mal garnicht mit dem Checkflug in Deutschland vergleichbar: Mindestens 1 Stunde Theorie und mindestens 1 Stunde Praxis, kombiniert man das mit dem Instrument Profency Check sind es dann mindestens 3 Stunden. In der Regel dauert es aber länger. Denn die Lehrer hier verdienen tatsächlich Geld und stehen mit ihrer Unterschrift auch dafür gerade, dass der Aspirant sicher fliegt. Die Unterschrift kann verweigert werden!

Hauptsächlich musste ich vieles theoretisch neu erarbeiten und tue das immer noch - fliegen ist überall im Universum gleich. Manches wird strenger bzw. disziplinierter genommen, während bei anderen Sachen auf die Eigenverantwortung des Piloten gesetzt wird. Z. B. Landen und Starten auf dem eigenen Grundstück - dafür braucht man hier nichtmal eine Genehmigung.

FAA Fluglizenz

Auch bei der Flugausbildung ist man selbstbestimmter - ich drücke gerade wieder die Schulbank. Mein Ziel ist die US-Berufspilotenlizenz und eventuell die Lehrberechtigung. Die Theorie kann hier vollständig im Selbststudium erfolgen - egal wie. Ab ca. $200 Gibt es hierfür Onlinekurse zu kaufen. Deutschland ist da nicht so locker und zehnfach teurer.

Dann habe ich noch von meinem Besuch des EAA-Airventures zu berichten oder besser bekannt als “Oshkosh” - die Mutter aller Airshows. Hier kommt wieder zum Tragen, dass es viel mehr Eigenverantwortung in der Luftfahrt gibt. Flugvorführungen, bei denen einigen deutschen Beamten das Herz stehen bleiben würde.

Wo ich gerade bei Events bin. Der Besuch von Veranstaltungen wie TEDx Cambridge, einem Spiel der Red Sox im Fenway Park, wo wir VIP Tickets bekommen hatten, meine Ausflüge nach New York und den White Mountains sind hier ein paar Auszüge.

Wie man lesen kann Stoff für viele Blogbeiträge!

Fazit

Um also die Frage vom Anfang zu beantworten. Mir geht es gut soweit! Es ist superspannend, beruflich als auch privat ein riesen Schritt. Täglich gibt es etwas dazu zu lernen, aber vieles ist hier wesentlich einfacher.

Besonders nervt mich akut nur der Dauerlärm (50 bis 60 dB laut iPhone) in meinem Schlafzimmer, der mir auch ein wenig auf die Gesundheit schlägt.

Mein erster Heimaturlaub hat mir zudem gezeigt, wie lecker deutsche Brötchen, Bratwurst und Döner sind.

Davon ab möchte ich den Lebensstandard hier nicht mehr missen und - das haben ich in den letzten Monaten gelernt - findet sich auf jedes Problem auch eine Lösung.

Ich hoffe, die Idee zu diesem Blog gefällt euch und Ihr freut euch auf zukünftige Beiträge. Schreibt doch einen Kommentar, wie euch mein erster Post gefallen hat und welches Thema von den Angeschnittenen euch besonders interessiert!